29. September 2016
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Herz und Verstand - 13 Jahre nach dem Abi

Ende der 1990er Jahre hat ein Austauschschüler aus Apoldas US-amerikanischer Partnerstadt Rapid City ein Lied in der Bergschule bekannt gemacht, in dem es sinngemäß heißt „In der Jugendzeit sind sie Rebellen, aber sobald sie 18 werden, verwandeln sie sich in Werkzeuge der Gesellschaft.“ Die Punkband „Filth“ beklagt in dem Song „The List“ Opportunismus und Angepasstheit. Theodor Fontane drückt es so aus: »Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch ein Revolutionär ist, hat keinen Verstand.« Seit meinem Apoldaer Abitur bin ich viele Wege gegangen, wollte mich aber nie mit der traurigen Fatalität von Fontanes Zitat abfinden. Und ich hoffe, dass das auch so bleibt, wenn ich 40 bin – ein paar Jahre habe ich ja noch Zeit bis dahin.

Nach fröhlichem Abi-Ball habe ich mich auf den Weg nach Frankreich gemacht, um dort meinen Zivildienst zu leisten (sowas gab es damals als Ersatzdienst für die, die nicht für ein Jahr zur Bundeswehr wollten). Ich habe über ein Jahr in der ökumenischen Bruderschaft von Taizé verbracht, also im Kloster. Dort hatte ich weniger mit Punkbands, aber dafür umso mehr mit dem Revolutionär Jesus zu tun. Und mit Jugendlichen aus Australien, Indien, Schweden, den Philippinen und Bolivien – und aus ganz vielen anderen Ländern, denn in Taizé finden Woche für Woche internationale Jugendtreffen statt. In diesem multikulturellen Umfeld bin ich kaum dazu gekommen, mein in der Schule gelerntes Französisch zu üben, weil die anderen um mich herum oft gar kein Französisch konnten. Das sollte sich dann aber schlagartig ändern, als ich für einige Monate gemeinsam mit der Taizé-Bruderschaft das Europäische Jugendtreffen in Paris vorbereitet habe. Also der Sprachunterreicht an der Bergschule hatte sich schon mal gelohnt – und der Religionsunterricht im Übrigen auch.

Danach folgte ich dann aber doch dem Ratschlag meiner Sozialkundelehrerin und studierte Politikwissenschaften in Berlin und Paris. Meine erste Arbeitsstelle hatte ich beim Evangelischen Kirchentag in Bremen. Seit den vorletzten Bundestagswahlen (2009) arbeite ich in Berlin für eine Bundestagsabgeordnete der Linksfraktion.

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, fällt mir auf, dass mich die Projekte, die außerhalb des Unterrichtes stattfanden, weit mehr geprägt und gebildet haben als der normale Unterricht. Das trifft insbesondere auf die Auschwitz-Fahrten zu, an denen ich mehrere Male teilgenommen habe. Anlässlich des 60. Todestages des christlichen Widerstandskämpfers Paul Schneider („Der Prediger von Buchenwald“) gab es 1999 an der Bergschule das Projekt „Bewegte Geschichte“, aus dem ein Theaterstück und eine Ausstellung hervorgegangen war. Weil ich das Wort „Antifaschist“ wohl ein mal zu häufig im Munde führte, wurde ich sogar zum persönlichen Gespräch mit dem Schuldirektor geladen und gerügt… Die intensive Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus war auch für mein Studium und meine Arbeit eine wichtige Grundlage.

Umso krasser war es, in den politischen Auseinandersetzungen der letzten Jahre mehrfach als Antisemit beschimpft zu werden. Die Abgeordnete, in deren Büro ich arbeite, hat 2010 an einem Hilfskonvoi für die Menschen im Gazastreifen teilgenommen und wurde dafür von der israelischen Armee festgenommen und ausgewiesen. Danach folgte eine unangenehme Medien-Kampagne, deren Ziel es war, Palästina-Aktivisten als Antisemiten zu brandmarken.

»Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch ein Revolutionär ist, hat keinen Verstand.« Bloß nicht so werden, bloß nicht zu den Angepassten überlaufen – diese Motivation hat mich häufig angetrieben, und das ist auch gut so. Heute ist es mir allerdings auch wichtig, mich nicht nur in Opposition zum Bestehenden zu entwickeln, sondern verantwortlich und mutig eigene Wege zu gehen. Selbstermächtigung und Selbstfindung – das ist viel schwieriger als bloßes Gegenhalten, aber es lohnt sich, weil dadurch die Freiheit entsteht, Neues zu erschaffen. Bei „Neues erschaffen“ denke ich zum einen an mein 2jähriges Kind, zum anderen aber auch an neue Lebenswege. Dabei ist beides notwendig: Herz und Verstand, mit 19 und mit 40.

Zuerst erschienen im Jahrbuch des Gymnasiums Bergschule Apolda, 2013/2014
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Carsten Albrecht am 10.07.2014 - 18:10 Uhr
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